Wenige Worte zu Martin Tchiba – das dasy
Ich habe viel geschrieben, und das meiste ist wieder der Backspace-Taste meiner Bluetooth-Tastatur zum Opfer gefallen. Ich sitze in einem sich als fancy verstehenden Café mit vergoldeten Tischen am Düsseldorfer Wehrhahn, es ist Ende 2025, und ich konkludiere, dass es ein einfaches Jahr hätte werden können, hätte ich es mir nicht selbst so schwer gemacht.
Unweit von hier enden die Berge; bis zur See ist nur noch flaches Land. Die Tiefebene ist meine heimliche große Liebe. Dort angekommen, würde alles einfach und klar und schön sein.
Aufgewachsen bin ich ganz in der Nähe, aber auf der anderen Seite: in den Bergen, im Bergischen. Aus alpinistischer Sicht mögen es etwas größer geratene Hügel sein, aber sie sind mächtig genug, um sich in ihren schattigen Tälern zu verkriechen.
Und in der Struktur zu versinken.
Meine Beziehung zur Komplexität ist heiß und innig und toxisch. Ich erforsche und knete und quäle die Struktur bis zur Selbstzerstörung.
Am Nachbartisch haben zwei Typen mit gegelten Haaren – sie mögen meines Alters sein oder etwas jünger – ihre MacBooks aufgeklappt und beginnen, über ein Projekt der Werbeagentur, bei der sie beschäftigt sind, zu plaudern. Es geht um Zielgruppen (18 bis 49!) und um die conversion rate. Smarte Kampagne, vermutlich, denke ich. Ich bin nicht wie ihr.
Damals, in den Bergen, habe ich ein fatales Faible für Zahlensymbolik entwickelt. Vielleicht wäre es besser gekommen, wäre ich in der Tiefebene aufgewachsen.
Die Zahl 2025 markiert nicht nur ein Vierteljahrhundert des einundzwanzigsten Jahrhunderts, sondern auch das fünfundzwanzigste Jahr meines Erwachsenendaseins. Es ist genug, habe ich im Januar gedacht. Genug der Erforschung, des Knetens, der Qual, der Selbstzerstörung. Mein Vierteljahrhundert-Album wird – just simple(r)!
Es hat geklappt. Über viele Monate. Ich habe Dinge auf den Punkt gebracht. Ich habe der Versuchung widerstanden, alles wieder zu dekonstruieren. Ich habe meinen Kompositionen unbedarfte Namen gegeben. Luci. Glow. Sofa.
Im September kam der Absturz. Nichts ist ermüdender als Künstler, die von ihren Abstürzen berichten; ich möchte daher nicht allzu sehr ins Detail gehen. Nur war es so, als hätte es mich urplötzlich aus der Weite und der Frische meiner Tiefebene in ein finsteres Tal gebeamt.
So kam es, wie es kommen musste: Ich habe vielerorten – doch! – den Hammer angesetzt (ansetzen müssen!), Dinge verdichtet, vernichtet, neu geschaffen, neu zusammengefügt. Und ich hörte, dass es gut war.
Vom just simple(r)-Vorsatz hat einiges im fertigen Album überlebt. Ich bin froh darum. Aber in Wechselwirkung mit dem September-Hammer glaube ich, zumindest für dieses Mal meine Wahrheit gefunden zu haben.
Ich möchte nicht über Wahrheit sinnieren und verlasse den goldenen Tisch und die zwei Werbetypen, steige an der Station Wehrhahn S in die silberne Stadtbahn und fahre weiter hinaus in meine Tiefebene.
Martin Tchiba, im Dezember 2025
Das noch: Einen Sinn- (bzw. sinnlichen) Zusammenhang zwischen den vierbuchstabigen Stücktiteln und der Musik an sich herstellen zu wollen, kann vergebens sein – oder auch nicht. Bei ugly könnte es funktionieren, obschon das Stück nicht gänzlich unhübsch ist; bei déco weiß ich selber nicht, ob dies eher déconstruction oder décoration abkürzt; bei ßpnx werden Klaviermusik-Freaks den im Titel kodierten Referenzpunkt erkennen; der Name flys ist eine Hommage an eine renitente Gruppe von surreal großen Fliegen, die mir während der Arbeit im Studio den vorletzten Nerv raubten, aber mit der dort entstehenden Musik nicht viel am Hut hatten; plää ist eine Reminiszenz an frühe Computerspielmusik; luci ist luzide; symm ist symmetrisch; sjön ist schön; sinn macht ohnehin Sinn. In einigen Fällen (rose, blum, dasy …) habe ich die interne Fantasie-Bezeichnung, die zunächst nur dem File-Management in meinem Workflow diente, kurzerhand als Stücktitel übernommen. Die Titel dieser Kategorie standen somit fest, bevor ich auch nur einen Ton komponiert hatte: wie bei einem Baby, dessen Name meist schon vor der Geburt erdacht wird, ohne zu diesem Zeitpunkt das Geringste über das Wesen des werdenden Menschen zu wissen.